Wir im ewigen Fischschwarm

Seit sieben Jahren kenne ich eine Stelle im Wasser der Bucht an der immer ein sehr großer Schwarm schöner, silberblauer Fische vorzufinden ist. Wenn man sich dem Schwarm nähert, lassen sich die Fische etwas absinken, wenn man sich dann aber ruhig verhält schweben sie in zauberhaften Spiralen, schillernde Ornamente bildend wieder nach oben, näher zum Betrachter, berührend nahe zu mir.

Seit sieben Jahren verbringen meine Frau und ich unseren Frühherbst-Urlaub in dem Hotel, welches die genannte Bucht umgibt. Ich schnorchle häufig und gerne zum wundersamen Fischschwarm hinaus. Je vertrauter mir der Schwarm wurde umso mehr habe ich mich gefragt, ob das wohl immer die selben Fische sind, die ich da anstarre und die wohl auch mich sehen – sie sind ja kaum zu unterscheiden. Oder ob das vielleicht die Jungen und Nachkommen der Fische sind, die ich im ersten Jahr oder beim letzten Mal gesehen habe. Ob diese Fische nur ein Jahr leben oder zehn Jahre alt werden oder noch älter – ich habe keine Ahnung.

Dann ist mir klar geworden, wie sinnlos und oberflächlich diese Fragen eigentlich sind, weil das sehr wahrscheinlich nicht immer die selben Fische sind, wohl aber immer der selbe Schwarm ist. Und ich stellte mir vor, dass schon vor hundert Jahren und in hundert Jahren an der selben Stelle der selbe Schwarm zu sehen war und sein wird. Dass der Zauber dieser Begegnung weniger  in der individuell messbaren Wiedererkennung, sondern viel mehr in der Zeitlosigkeit, ja der Ewigkeit eines gelassenen Lebens liegt, dem wir alle angehören.

Es ist wohl der Blick für das dauerhafte, das Gemeinsame und das sich selbst immer wieder Erneuernde, den wir uns aus den Natur-Beschaulichkeiten eines Urlaubs mitnehmen sollten in unser Normal- und Berufsleben, in unsere Wohnungen und Arbeitsplätze. Es ist wohl die notwendige Zurücknahme des Egos, der wir unsere Konzentration widmen sollten, um uns in Familien, Teams und Demokratien, in unserer gesamten Welt weiterentwickeln zu können. Es ist das Wissen um die Endlichkeit des Individuums und die Unendlichkeit einer guten Idee. Einer Idee, die von einem Menschen kommt aber uns allen was bringt. Uns, im ewigen Fischschwarm.

Wolfgang Lusak

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