KEINE ZEIT FÜR UNGEDULD

Die Suggestion eines für alle rasch erreichbaren wunderbaren Lebens könnte unsere Zukunft auffressen

Wenn Prominente in Interviews gebeten werden auch einmal eine schlechte Eigenschaft von sich zu nennen, dann sagen sie oft und kokett „bin leider recht ungeduldig“ und spekulieren mit dem wohlwollenden Verständnis der Öffentlichkeit. In unserer flotten “ich will alles und das jetzt“-Zeit wird man doch wohl ein bisserl ungeduldig sein dürfen: Im täglichen Leben wird an Buffets, an Kassen und im Verkehr auf Teufel komm‘ raus gedrängelt. Auch den nächsten Karrieresprung, Markterfolg oder Kursanstieg will keiner in Ruhe erwarten. Das „Muss jetzt weiter“-Syndrom lässt uns nicht mehr hinsehen, zuhören und überlegen. Wenn wir ihm erliegen, macht es uns hässlich und krank.

Fruchtlose Vergewaltigung der Zukunft
Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu leistet eine gnadenlos ungeduldige Konzern-, Finanz- und Werbeszene, die uns permanent suggeriert, dass wir eigentlich jetzt schon wo anders sein und mehr haben sollten. Das Resultat ist:
1. Konsumrausch oder Entbehrungsgefühl und Entzugserscheinungen, je nach dem
2. Verschuldung – die Reichen dieser Welt könnten nicht ständig noch reicher werden, wenn sich nicht andere im gleichen Maß in Schulden stürzen
3. Realitätsverweigerung – immer verbunden mit Aggression: Wenn Menschen erkennen müssen, dass es nicht so läuft wie sie in Ungeduld dachten. Auszucker, Gewaltanwendungen bis hin zum Totschlag nehmen in einer Welt der „nicht programmierten“ Enttäuschungen zu. Ungeduld ist die kleine Schwester der Gier, die nicht umsonst als Todsünde bezeichnet wird. Ungeduld ist auch die fruchtlose Vergewaltigung der Zukunft.
Auf der anderen Seite ist kreatives Vorwärtsbestreben natürlich eine positive Kraft – es kommt halt auf die Ausgewogenheit zwischen besonnener Geduld und aktivem Handeln, auf ein Näherbringen von monopolistischen Eliten und bildungsfernen, sozial Schwachen an. Wir sollten uns viel weniger Zeit für Ungeduld und viel mehr Zeit für Geduld nehmen. Erst mit Innehalten, Planen und Ausdauer schaffen wir dauerhaften Erfolg und anhaltendes Glück. Nicht an der Peripherie dürfen wir da ansetzen, sondern in der Mitte, bei einem Mittelstand, der auch in der Lage ist zu lernen, Werte zu setzen und dann zuzupacken.

Mitte noch attraktiver machen
Womit wir die Lösungen unseres Ungeduld-Problems schon vor uns haben: Mit breiter Investition in Bildung, Ethik/Wertegemeinschaft und Innovation können wir alle Krisen und Katastrophen bewältigen. Dafür müssen wir diese Mitte noch viel attraktiver machen, die Sehnsüchte nach realer Ausgewogenheit statt nach irrealem Extremismus nähren. Eine Gesellschaft ist dann überlebensfähig, wenn sie sich von ganz innen her erneuert. Sonst kommt eine Revolution, die wieder nur ihre Kinder frisst.

Wolfgang Lusak April 2014

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