DAS NEIN IN DER LIEBE  –  Lusaks Adventkommentar

Warum liebevolle Distanz letztlich mehr Liebe schafft
Als Unternehmensberater muss ich immer aufpassen, dass ich mich nicht „verliebe“. Nicht in das Produkt und auch nicht in die Persönlichkeit des Klienten. Denn wenn ich das täte, verlöre ich die nötige Außensicht, die jeder Berater haben muss, um wirklich bei Problemen oder Aufgaben helfen zu können. Bei hingebungsvollem Mitschwingen mit dem Auftraggeber wäre man mit der Nase an seinen Themen genauso knapp dran wie er und könnte damit genau das nicht erfüllen, wofür er einen braucht. Objektivität und unabhängiger Rat entstehen nur, wenn der Berater es schafft das aufzubauen, was ich die „liebevolle Distanz“ nenne.

Als sehr verwandten Gedanken empfinde ich das „Nein in der Liebe“, welches der Theologe und Therapeut Peter Schellenbaum in seinen Büchern Zweierbeziehungen empfiehlt. Liebe macht blind, heißt es. Besonders zu sehen bei jungen Paaren, die sich im Rausch der Verliebtheit so bedingungslos und so lange beiderseits alle Wünsche erfüllen, bis es einmal „wie aus heiterem Himmel“ kracht, so dass dann plötzlich gar nichts mehr geht. Weil vielleicht einer bis zur Selbstaufgabe, bis zur Hintanstellung aller Vernunft nie Nein gesagt hat. Ich bin davon überzeugt, dass die liebevolle Distanz mit einem beizeiten ausgesprochenen Nein überall, also auch bei Bekannten, Geschäftspartnern und Politikern anzuwenden ist.

Nein zu Egomanie und besitzergreifender Bevormundung
Mutter oder Vater sollten dem „verhaltensauffälligen Kind“ ein Vorbild sein und ihm auch einmal seine Grenzen aufzeigen statt in falsch verstandener Großzügigkeit einen Egomanen zu züchten. Der Mitarbeiter sollte seinem Vorgesetzten sagen, was ihm an der Arbeit, der Organisation, dem Umgangston, etc. nicht gefällt und auch umgekehrt, weil das der Verbesserung des Ganzen dient. Der Bürger sollte die Politiker abwählen, die ihn belügen und für dumm verkaufen statt sie aus bequemer Tradition und im festen Vertrauen, „dass sich eh nix ändert“ wieder zu wählen. Die Unternehmen sollten sich gegen die Bevormundung und Benachteiligung durch die Finanzwirtschaft, Konzerne und Gewerkschaften aktiv wehren, statt in ausgereizter Sozialpartnerschaft zu leiden – in der globalen Welt haben sie die Aufgabe auf allen Ebenen etwas zu unternehmen und nicht in bestimmten Bereichen, wie der der politischen Verantwortung etwas zu unterlassen. Wir sollten auch ein Nein zu besitzergreifenden Religionen sagen, um nicht zu einem radikalen Fanatiker zu werden, um Gott als Symbol der Güte und uns selbst letztlich umso mehr lieben zu können.

In allen Beziehungen sollte der anbiedernden Anpassung, der unnötigen Unterwerfung und der unfassbaren Feigheit Einhalt geboten werden. Natürlich erfüllt es auch mich mit einem Hauch von Traurigkeit, wenn ich dem wunderbaren Überschwang, der ersehnten Zugehörigkeit, der Süße der Selbstauflösung im Glück wiederstehen muss und dafür auf Enttäuschung, Auseinandersetzung und Widerstand stoße. Wenn ich gerade zu dem am meisten Geliebten und Geschätzten auf Distanz gehe. Behalten wir jedoch immer vor Augen: Das aus dem ausgewogenen Denken und Fühlen der eigenen und gleichzeitig universellen Mitte kommende Nein in der Liebe führt zu wahrer Liebe und Menschlichkeit. Auch wenn es anfänglich schwer fällt es auszusprechen.

Einen wunderschönen, besinnlichen Advent wünscht
Wolfgang Lusak